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Vorurteile/Aufklärung über die Haltung von Hochzuchten

Da es leider in vielen Foren/Gruppen immer wieder zu Missverständnissen bezüglich der Haltung kommt, wollte ich mal etwas weiter ausholen, um die genauen Hintergründe zu beleuchten:



Multicolor Crowntail Männchen


1. Hochzuchten gibt es in der Natur nicht.


2. Kampffisch ist nicht gleich Kampffisch: Wildformen kann man in verschiedenen Regionen FINDEN, das ist richtig, aber die unterschiedlichen Arten sind idR immer an den gleichen Orten zu finden. Schaumnestbauer sind in ruhigen flachen Gewässern (Strömung macht für sie keinen Sinn, denn sie bauen Schaumnester und die gehen dann kaputt). Die, die man in Strömungen finden kann sind MAULBRÜTER und haben wiederum ganz andere Lebensweisen als ihre Kollegen die Schaumnestbauer (es sind dennoch alles Kampffische, die gerne unter diesem Begriff zusammen gefasst werden). Daher ist es auch nicht verwunderlich, dass man in den Angaben zu "Kampffischen" diverse Informationen finden kann. Warum gibt es diese beiden Lebensweisen? Das nennt sich ökologische Nische. Die Tiere haben sich über Jahrhunderte an ihre Lebensräume passiv angepasst. Daher auch das Labyrinthorgan, was ihnen erlaubt in sauerstoffarmen (stille Gewässer ohne regelmäßigen Zulauf) zu überleben.

Die Gattung der Kampffische heißt Betta. Die Unterarten heißen z.B. Betta splendens, Betta smaragdina, Betta imbellis (Schaumnestbauer) oder Betta macrostoma, Betta channoides etc (Maulbrüter). Der Betta splendens ist also nicht der einzige Kampffisch!


3. Aufgrund der oben genannten Tatsachen ist es massiv fahrlässig alle Kampffische in einen Topf zu schmeißen. Was alle Kampffische aber gemeinsam haben, ist dass sie in dunklen Laubgewässern mit regem Pflanzenwuchs leben.


4. Selbst bei den Wildformen wird empfohlen sie in Artenbecken zu halten. Die Tiere sind nun mal revierbildend und andere Fische werden oft als Störung empfunden. Will man das natürliche Verhalten in Ruhe beobachten, sollten auch sie ins Artenbecken (Bei Schaumnestbauern mit Weibchenüberschuss, bei Maulbrütern mit Männerüberschuss). Davon abgesehen gibt es keine Salmler oder ähnliches dort, wo man Kampffische finden würde.


5. Nun zum Thema Hochzuchten: Man darf sie meinetwegen als Qualzucht empfinden, das muss jeder für sich entscheiden, aber eine Hochzucht wie eine Wildform halten zu wollen, ist in meinen Augen Qualhaltung. Da man sich an der Natur nicht orientieren kann (nochmal: gibt es nicht in der Natur), sollte man sich den Hintergrund anschauen. Die Hochzuchten wurden ursprünglich als Fighter gezüchtet. Nur die aggressivsten Tiere wurden zur Zucht verwendet. Sehr viel später entstand auch aus solchen Linien die Vielfalt der häutigen Hochzucht. Lange Flossen, bunte Farben, etc. Die Tiere sind revierbezogener als Wildformen und sie schwimmen ihr Revier auch permanent ab. ANDERS als bei den Wildformen haben die Hochzuchten aber keine Grenzen mehr. Das schlägt sich darin nieder, dass der GESAMTE Behälter als das eigene Revier betrachtet wird. Zwar sind Kampffische auch als Individuen anzusehen und kein Fisch ist wie der andere, ist es tendentiell doch eher so, dass die Tiere sich auf kurz oder lang töten würden oder zumindest so lange stressen, bis einer oder beide eingehen. Das gilt auch für Weibchen und Männchen. Da ist es sogar schlimmer. Die Weibchen können extrem aggressiv sein. Dazu gibt es genügend Berichte und kann ich gerne an anderer Stelle verlinken. Eine weitere Verhaltensveränderung besteht darin, dass die Hochzuchten keine Paarungsbremse haben. Hält man die Tiere dauerhaft zusammen, paaren sie sich am laufenden Band. Da das Männchen die Brutpflege betreibt, passiert es oft, dass er am Ende so ausgelaugt ist, dass er verhungert. Es ist eine Tatsache, dass Hochzuchten in einer solchen Haltung maximal 1,5-2 Jahre alt werden, obwohl sie idR ein weit höheres Alter erreichen können.


6. Es wird oft gesagt: "Kein Tier würde ein größeres Platzangebot ablehnen". Das ist schlichtweg falsch. Es gibt viele Tiere, die einen kleinen Lebensraum bevorzugen, weil sie sich dort sicher fühlen. Beispiel: königspython. Die Schlange kann locker 1,50m groß werden und trotzdem bewohnt sie enge Termitenhügel, in denen sie sich einrollt. Terrarien mit 1,20m Länge reichen da komplett aus. Viele Jungtiere verweigern das Futter bei zu viel Platz, weswegen man immer dazu rät das Terrarium mitwachsen zu lassen. Und das ist nur EIN Beispiel. Zu behaupten jedes Tier trachtet nach mehr Platz ist eine Vermenschlichung, die so definitiv nicht nachzuweisen ist. Was nicht beachtet wird, ist wie gesagt die ökologische Nische. Die Tiere sind an genau diese Bedinungen angepasst. Dem Tier andere Werte aufzuzwingen ist ein Problem des Menschen, der sich selbst immer im Mittelgrund sieht.


7. Einen Langflosser im Gesellschaftsbecken mit Salmlern und zu wenig Pflanzen zu halten, ist in meinen Augen ein Beispiel von Ignoranz und falschverstandener Tierliebe.

Das größte Problem in diesem Zusammenhang ist die falsche Beratung in Zoogeschäften und die damit einhergehenden weit verbreiteten Fehlinformationen. Es mag Ausnahmen geben bei denen die Tiere scheinbar harmonisch zusammen leben, aber das sind meiner Meinung nach wirklich Ausnahmen. Die allermeisten Hochzuchten werden in Haremshaltung/Haltung in Gesellschaftsbecken nicht alt. Oft wird das Verhalten der Tiere auch einfach falsch interpretiert. Das sieht man schon daran, dass viele Menschen glauben die Weibchen wären immer gestreift (sind sie nicht, Querstreifen = Stressfärbung). Daher habe ich immer sehr großen Zweifel, dass die Person die Situation wirklich richtig einschätzt.


Tatsache ist, dass die Hochzuchten in Einzelhaltung sehr alt werden können und bei entsprechender Einrichtung auch keine Probleme mit ihren Flossen bekommen.

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